THOMAS LOCHER. Die Rechnung. Die nicht aufgeht.. 16.09.2006 – 28.10.2006

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Die Galerie Reinhard Hauff freut sich, am 16. September ihre vierte Ausstellung mit dem in Berlin lebenden Künstler Thomas Locher (*1956) eröffnen zu können. In seinen Arbeiten interessiert sich Thomas Locher für prinzipielle Grundlagen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens wie z. B. die Grammatik oder das Recht, die universell und unumstößlich wirken, dabei aber zugleich über ein großes fiktionales Potential verfügen. Ausgehend von der Frage der „Gabe“, in der der französische Philosoph Jacques Derrida ein Phänomen sieht, das es gibt und nicht gibt zugleich und das sich begrifflich nicht als ein Prinzip fassen lässt, versucht Thomas Locher in der Ausstellung „Die Rechnung. Die nicht aufgeht.“ unterschiedliche Aspekte des Ökonomischen im Verhältnis zur Sprache zu thematisieren: Geld, Kredit, Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit,
Zeichen, Wert, Zirkulation, Tausch, Austausch, usw... . Denn analog zur Ökonomie, die immer einen Überschuss an Waren, Dingen und Energien produziert, produziert Sprache einen Überschuss an signifikanten Bedeutungen, der möglicherweise auch ohne Bedeutung ist, der nicht mehr austauschbar ist, der wie ein Rest übrigbleibt.

In der Ausstellung zeigt
Thomas Locher auf einer posterartigen Wandarbeit zwei unterschiedliche Serien an neuen Text-Bild-Arbeiten. Durch die Wandarbeit, die mit Ansichten verschiedener „kommerzieller“ Räume bedruckt ist, werden die beiden Serien visuell und kontextuell zusammengeführt. Nur ein Teil der nüchtern und profan wirkenden Räume ist architekturhistorisch erkennbar als die Hauptverwaltung der in den späten 30er Jahren gebauten Johnson Wax Company von Frank Lloyd Wright. Die Text-Bild-Serie „GIFT. TO GIVE. GIVING. GIVEN. GIFT, IF THERE IS ANY...(J.D.)“ besteht aus allgemein zugänglichen Medienbildern, die vorwiegend das Motiv des Gebens, der Übergabe, Gesten der Handreichung etc. beinhalten. Diesen Bildern stellt Locher handschriftlich bearbeitete Textfragmente gegenüber, die Jacques Derrida ʼ s Schrift „Donner le temps“ entnommen sind, in der sich Derrida mit der Gabe als widersprüchlichem Phänomen auseinandersetzt. Nach Derrida ist die Gabe mit der Fähigkeit versehen, die Zirkulation, den Kreislauf des Ökonomischen zu befragen. Denn damit die Gabe überhaupt Gabe ist, darf sie nicht zirkulieren, sie darf sich nicht in den Prozessen des Tauschs verschleissen lassen. Damit aber irgendetwas getauscht werden kann, muss es vorher gegeben worden sein. Unentschieden zwischen Geben und Nehmen wohnt der Gabe somit eine Zeit inne, in der das Gegebene auf einen späteren Zeitpunkt der Rückgabe, der Verpflichtung zur Erstattung verweist. Sie ist also ein Supplement, das sich in den ökonomischen Bereichen um Kredit, Schuld, Wechsel und Glaubwürdigkeit voll entfaltet.

Zusammen mit diesen um den Begriff der Gabe kreisenden Arbeiten umfasst die Ausstellung eine weitere Serie von sechs Textarbeiten, die sich inhaltlich ebenfalls mit Themen der Ökonomie befassen. Die verschiedenen Schriften von George Bataille, Karl Marx oder Pierre Klossowski entnommenen Zitate, die quasi wie Gleichungen oder Ungleichungen funktionieren, werden bei dieser Serie jedoch nicht textuell kommentiert,
sondern mit Spuren und gestischen Markierungen versehen. Unter der Farbe scheinen so Sätze hervor wie: „Wenn er gibt, erhöht er sich. Aber wie kann er sich gebend erhöhen, anstatt sich zu vermindern? Er gibt, um nicht zu empfangen, und weil er dazu fähig ist, erhöht er sich.“ (P.Klossowski)