CLÉMENT COGITORE. The Evil Eye. 22.11.2019 – 20.12.2019

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Mit The Evil Eye gewann der junge französische Filmemacher Clément Cogitore 2018 den begehrten Marcel-Duchamp-Preis im Centre Georges Pompidou – nur einer von vielen internationalen Preisen, die dem Künstler bereits verliehen wurden –, darunter auch die Nominierung für den César für den besten Erstlingsfilm sowie mehrere Nominierungen bei den Filmfestspielen von Cannes 2015. Die Galerie Reinhard Hauff ist stolz darauf, The Evil Eye zum ersten Mal in Deutschland präsentieren zu dürfen und so dem Stuttgarter Publikum die außergewöhnliche Gelegenheit zu bieten, diesen technisch ambitionierten und hochqualitativen Film vorzuführen.

The Evil Eye ist ein High-Tech-Psychothriller mit erotisch-komatöser Klarheit („eroto-comatose lucidity“), der die Zukunft der Menschheit in Frage stellt. Die Glaubenssysteme der Menschheit nehmen das Weibliche – Körper und Geist – als Hauptquelle des Bösen und die Verführung als seine sanfte Kraft. Der Film von Clément Cogitore – ausschließlich von weiblichen Körpern und Stimmen getragen – verwendet Mehrzweckvideos, die der Künstler aus Gettys oder Shutterstocks gigantischen Bilddatenbank-Katalogen mit Stereotypen wie „Lonely Woman“ („Einsame Frau“) oder „Beauty Girl“ („Schönes Mädchen“) gekauft hat. Diese Bilder werden verwendet, um ein Produkt, eine Ideologie, einen Traum, eine Identität, eine Identifikation, eine Hoffnung, ein Ideal zu verkaufen. Keine persönliche Geschichte. Werbung ist eine leistungsstarke Sprache, die mit einer glänzenden, mit Fotos gestalteten weiblichen Ästhetik geladen ist, da sie sich besser verkauft. In der Regel handelt es sich jedoch um eine Einwegsprache von „Buy This“ („Kauf das“), und diese Sprache wird nicht verwendet, um über andere Themen zu sprechen. Cogitore findet jedoch einen Weg, unzusammenhängende stereotype Bilder von Zeitlupengesten, leblosen, künstlichen Schönheiten durch seine eigene fiktive Erzählung, die Fragmente aus der Apokalypse vom Heiligen Johannes, Dantes Inferno und anderen bedrohlichen Prophezeiungen oder Warnungen enthält, miteinander zu verketten. Diese bedrohlichen Prophezeiungen werden im Film von Stimmen – Stimmen von der anderen Seite, aus dem Weltraum, aus dem Jenseits – gesungen und vorgelesen. Mit dieser Erzählung entführt er uns an einen Ort unerwarteter Emotionen – an einen Ort strahlender alternativer Tatsachen. Der Betrachter wird in diese apokalyptische Erzählung hineingezogen, die sich mit einer Menschheit befasst, die am Rande einer (bösen?) Wirklichkeit nach der Wahrheit steht.

Die Identifikationsnummern jedes gekauften Bildes bleiben im Film enthalten und verleihen dem Ganzen somit „eine eher totalitäre Dimension“, wie Cogitore sagt. Das Böse liegt vielleicht auch im Bereich des Totalitären. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken.
Marketingdatenbanken werden von weiblichen Bildern dominiert. Schönheit verkauft sich besser. Cogitore und die kommerziellen Hersteller solcher Bilder verwenden High-Tech-Methoden, um die Unpersönlichkeit und Entfremdung der Postproduktionsperfektion weiter zu übertreiben. Das schafft die gruselige, totalitäre Anonymität, die flach und eindimensional ist. Indem Cogitore den Postproduktionsprozess von perfekter, ikonischer, statischer, seelenloser Anonymität und Allgemeinheit umkehrt, versucht er, den Betrachter zurück zu den Spuren des Individuums, der Identität versus der Anonymität, zum lebenden Körper zu führen, der sich zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich physisch vor der Kamera eines Fotografen befand. „Zwischen Entfremdung und Überschreitung liegt eine Spannung, die mich interessiert“, sagt Cogitore, und der Film ist ein sehr mächtiges Medium, um sie einzufangen.

Die Fotoserie
The Evil Eye (stills), die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird, ist eine Sammlung von Cogitore-Stills, die aus dem Video ausgewählt wurden. Weibliche Gesichter überlagern Korridore, die von endlosen Blöcken der riesigen Datenserver gesäumt sind, auf denen dieselben Gesichter in Form digitaler Daten gespeichert sind. Die Figur – der Gast – scheint somit als Geist den Ort ihres Gastgebers zu verändern.

Dieser Text basiert auf einem Interview mit Clément Cogitore, geführt von Dr. Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland, anlässlich der dortigen Präsentation des Films im Juni 2019
(Text: Elisabeth Hauff, Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Schuster).

Clément Cogitore (*1983, Colmar) lebt und arbeitet in Paris. Seine Werke wurden unter anderem im Palais de Tokyo, Paris, im Centre Georges Pompidou, Paris, im ICA, London, im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, im MACRO, Rom, in der Flax Foundation, Los Angeles, im MoMA, New York, im MNBA, Québec, im SeMA Bunker, Seoul, im Red Brick Art Museum, Peking und im Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel präsentiert. Seine filmischen Arbeiten wurden bei zahlreichen internationalen Filmfestivals gezeigt und ausgezeichnet: in Cannes, in Locarno, in Telluride, in Los Angeles und in San Sebastian. 2015 wurde sein erster Spielfilm Ni le ciel Ni la terre beim Festival de Cannes im Rahmen der Semaine de la Critique ausgewählt, von der Gan Foundation ausgezeichnet, von den Kritikern anerkannt und für das beste filmische Erstwerk mit dem César Award nominiert. Der Film wurde 2016 in der Galerie Reinhard Hauff gezeigt. 2015 gewann er außerdem den BAL-Preis für zeitgenössische Kunst, 2016 den SciencesPo-Preis für zeitgenössische Kunst sowie den 18. Fondation d'Entreprise Ricard-Preis für zeitgenössische Kunst und 2017 den Preis für Künstler unter 35 Jahren des Festivals Kino der Kunst in München. Anlässlich des 350-jährigen Bestehens hat die Opéra National de Paris Cogitore mit der Inszenierung des gesamten Opernballetts Les Indes galantes von Jean-Baptiste Rameau beauftragt. Der Künstler sollte das Stück genauso wie seinem Film Les Indes galantes, den er 2017 produzierte und in der Galerie Reinhard Hauff uraufgeführt wurde, realisieren. Die Uraufführung des Opernballetts Les Indes galantes an der Opéra Bastille, Paris, fand im September 2019 statt. Mit The Evil Eye, 2018, gewann Cogitore den Marcel Duchamp Award im Centre Georges Pompidou, Nationalmuseum für Moderne Kunst, Paris. Cogitores Werke sind in mehreren öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter im Centre Georges Pompidou, Paris, im Fonds national d’art contemporain, Paris, im Fonds municipal d’art contemporain de la Ville de Paris, im FRAC Alsace, Sélesta, im FRAC Aquitaine, Bordeaux, im FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand, im MAC VAL Museum, Vitry-sur-Seine, im Musée d’Art moderne et contemporain de Strasbourg und in Privatsammlungen wie der Daimler Art Collection.

Zur Ausstellungseröffnung laden wir Sie herzlich am
Freitag, den 22. November 2019, von 19 bis 22 Uhr zu Bier und Wein ein.

Mit freundlicher Unterstützung des Institut Français Stuttgart.