JULIKA RUDELIUS. Hail Mary Pass. 05.04.2019 – 11.05.2019

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Nach langen Lebensabschnitten in New York und Deutschland lebt Julika Rudelius wieder in Amsterdam, wo auch die Doppelkanal-Videoinstallation Knights (2019) gedreht wurde. Dort begann die Künstlerin auch an den begleitenden Zeichnungen zu arbeiten, die ebenfalls in Hail Mary Pass – ihrer fünften Einzelausstellung in der Galerie Reinhard Hauff – zu sehen sind. Die Videoinstallation zeigt – ebenso wie die Zeichnungen – Aspekte ritueller Überlebenskämpfe, gepaart mit Einfluss und Macht, die für Tiere sowie auch für den Menschen üblich sind. Die Rolle der Initiationsriten, bei denen Männer durch bestimmte Bräuche in den Kreis einer Gruppe aufgenommen werden, in der der Wettbewerb um die Gunst von Frauen vorherrscht, um sich fortzupflanzen zu können, sodass das Überleben des Stärksten, Dominantesten und Aggressivsten gesichert ist, hat sich im Laufe der Zeit beim Menschen aus dem körperlich brutalen Handeln zu Geldmacht und der Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen, weiterentwickelt.

Eine Gruppe junger Männer, gepflegt mit trendigen Frisuren, modischen Bärten, schwarzen Bomberjacken und grauen Kapuzenpullis, fahren schwarze Roller mit Windschutzscheiben. Ihre Bewegungen und Gesichtsausdrücke wirken kühl und ausdruckslos in Szene gesetzt. In monochrom gehaltenen Schwarz- und Grautönen ist die Umgebung des Motorrollertreffens ein Niemandsland aus leeren Stadtarchitekturen mit geometrischen Beton- sowie Ziegelmustern und Uferstraßen – weder privat noch öffentlich. Es gibt keine sichtbare Interaktion mit dem Anderen, der Welt. Die jungen Männer bewegen sich im Gleichklang – auf Tour – scheinbar ohne einen Plan oder eine Strategie, wie Soldaten auf Patrouille, mehr oder weniger eins mit ihren Scootern sowie der Kontrolle über ihre Maschinen. Formationen konvergieren, ziehen sich zurück und gruppieren sich zum Klang knatternder Motoren. Aber die aggressive Parade verwandelt sich in regelmäßigen Abständen auch in weiche, synchronisierte Tanzbewegungen – wie bei einer Ballettaufführung. Dazwischen pausieren sie, sind mit ihren Handys und anderen Geräten beschäftigt und posieren mit ihren AirPods und Designertaschen. Sie führen akrobatische Tricks mit ihren Motorrollern auf, mit etwas mehr Gewindigkeit und lauten Motorgeräuschen, aber es existiert kein Dialog, kein zentraler Anführer des Rudels, keine Verschwörung, keine Interaktion – eine Gruppe von Jungs, die ganz allein ihr eigenes Ding macht. Die einzige Frau ist die Künstlerin hinter der Kamera, die diese männliche „Parade“ beobachtet.

Die „Parade“ und die Präsentation ihrer Verführungskünste, in Form von inszenierten Aktivitäten wie Lockrufen und Balztänzen – ähnlich wie wir es hier in der Videoinstallation erleben –, sind in der Tierwelt unter den Männchen erforderlich, um die Gunst des Weibchens während der Paarungszeit zu gewinnen. Während seiner „Parade“ versucht der Mann, das ideale oder typische männliche Verhalten zu projizieren sowie den Eindruck zu erwecken, dass er der ist, der er sagt. Lacan bemerkte in einem seiner berühmten
Séminaires, dass der Mann nicht der Spannung zwischen dem, was er glaubt zu sein (ein Mann, ein echter Mann, ein Macho) und andere – die Frau oder das soziale Umfeld – von ihm halten und erwarten könnten, sowie dem, was er (fürchtet) in Wirklichkeit ist (zu sein) – schwach, unsicher, ausgesetzt –, standhalten noch entkommen kann. Sein Ego braucht Macht – eine übergeordnete Macht –, die er aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und einer Gemeinschaft sowie seinem Status in diesen bezieht. Welche Rolle spielen diese jungen Erwachsenen in der Gesellschaft im Allgemeinen und in ihrer Gruppe? Wenn keine Erzählung oder ein Dialog vorhanden ist, können wir nur diese Parade beobachten. Aus sicherer Distanz (mit dem Blick einer Frau, einer Deutschen in Amsterdam) werden wir zu Beobachtern einer kodierten Sprache mit speziellen Elementen, die innerhalb dieser Gruppe erforderlich sind, um genug Macht zu besitzen, um hier und jetzt ein Überlebender – ein Mann – zu sein.

Um eine Parallele zwischen den Naturgesetzen des Tierreichs und den Gesetzen des zivilisierten Mannes zu ziehen, erweitert Rudelius die Videoinstallation in der Ausstellung mit einer Gruppe von Zeichnungen. Begleitet von einer suggestiven Stimme, wirken diese Zeichnungen wie dünn umrissene, kaum auftauchende Manifestationen des Unbewussten, des Primitiven, des Verbotenen und des Unzensierten – die Legitimation vielleicht. Löwen in einem Rudel kämpfen aggressiv um sexuelle Dominanz. Paarenden Löwen steht ein menschliches Tabu gegenüber – das der Dominanz für Freizeit- und für verbotenen Sex: Rudelius zeichnet den Priester als eine überlegene geistige und moralische Macht, der seinen Status ausnutzt, indem er sich als gut und vertrauenswürdig verkauft, während er die jungen, ihm schutzlos ausgelieferten Knaben, die ihm anvertraut wurden, unterdrückt sowie sadistisch missbraucht. Dass diese verabscheuungswürdigen Praktiken seit Jahrhunderten von Geistlichen vollzogen werden und andauern, zeugt von der Kraft einer perfekten „Maskerade“.

Die anderen Galerieräume bieten einen faszinierenden Überblick auf die folgenden Videos, die Rudelius über 20 Jahre hinweg entwickelt hat:
Rites of Passage, 2008, Forever, 2006, Dressage, 2009, Liaison, 2013, Adrift, 2007, Train, 2001. Zusammen gesehen, erforschen die genannten Videoarbeiten das Thema von Verführung und Macht.

Rudelius’ Arbeiten wurden in bedeutenden musealen Kontexten gezeigt – wie zum Beispiel der Tate Modern, London, dem Centre Culturel Suisse, Paris, dem Kunsthaus Glarus, Schweiz, dem Stedelijk Museum Bureau, Amsterdam und dem Frans Hals Museum in Haarlem sowie kürzlich im Club Solo, Breda, Niederlande (Text: Elisabeth Hauff, Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Schuster).

Zur Ausstellungseröffnung laden wir Sie herzlich am
Freitag, den 05. April 2019, von 19 bis 22 Uhr zu Bier und Wein ein.