STEPHEN WILLATS. Conversations With Buildings. 21.06.2016 – 16.09.2016

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1995 bestritt Stephen Willats die Gründungsausstellung der Galerie Reinhard Hauff. Seither hat die Galerie den Londoner Künstler und seine Arbeit kontinuierlich begleitet. Die Ausstellung CONVERSATIONS WITH BUILDINGS ist bereits die sechste Einzelausstellung von Stephen Willats in den Räumen der Galerie Reinhard Hauff.

Stephen Willats (*1943) gehört zu den Pionieren der Kontextkunst. In Abgrenzung zu einer überwiegend selbstreferenziellen Kunst verortete er von Anfang an seine künstlerische Arbeit in einem sozialen Umfeld. „By 1965 I had begun to map out what was then a completely new physical and social territory for an artwork to operate within“, erinnert sich Willats. „This was very much in the spirit of opening up the demarcated boundaries between separated disciplines which typified thinking.“ Seine Kunst entstand in der Auseinandersetzung mit Menschen und deren Lebensentwürfen; in „Territorien“, die mehr mit dem Leben als mit der Kunst zu tun haben; und in Lebensräumen, deren Struktur und Architektur das soziale Gefüge maßgeblich prägen. Dem angesprochenen Geist, den man auch als Haltung bezeichnen könnte, ist er bis heute mit beeindruckender Konsequenz treu geblieben. Eine ausführliche Erklärung zu Willats’ Gedanken über seine Kunstpraxis befindet sich auf der Webseite des Künstlers http://stephenwillats.com/context/.

In der Ausstellung CONVERSATIONS WITH BUILDINGS begibt sich Stephen Willats abermals in scheinbar kunstferne Territorien. Er sucht das Gespräch – diesmal mit Gebäuden. Aber genauso, wie die Kunst nicht ohne sozialen Kontext auskommt, stehen auch Willats’ Gebäude nicht allein. Sie sind eingebunden in Objekte, Zeichen und Piktogramme. Menschen versuchen sich in den Bildern einen Begriff davon zu machen. Pfeile verknüpfen Bilder zu scheinbaren Argumentationen oder Kausalketten. Stephen Willats versieht Gegenstände mit Farbcodes und Attributen. Er stellt Analogien her zwischen
Buildings and Vases (2015), wo vordergründig keine sind. Und er kappt gedankliche Verbindungen, sobald wir uns zu sehr auf bekannten Mustern und Typologien auszuruhen drohen. Stattdessen gilt es, Gegensätze wahrzunehmen, auf sie aufmerksam zu machen und sie gelten zu lassen: Conscious Unconscious Continuous Discontinuous, so der Titel einer dreiteiligen Arbeit von 2013.

Die frühesten Werke in der Ausstellung stammen aus dem Jahr 1982 und 1983: Die beiden Werke aus der Serie
Tower Block Drawings sind collagierte Fotografien, die mit Farb- und Bleistiften bearbeitet wurden. Fotografien von Gegenständen kreisen um Wohnblocks, in denen der Treppenwitz der Moderne bitter nachklingt: „Neues Bauen für den neuen Menschen.“ Als ob man einen neuen Menschen genauso entwerfen könnte wie ein neues Gebäude. Für Willats ist klar: Unter diesen Prämissen avancierte die Architektur zum Diktat, der Stadtraum zum gebauten Ordnungshüter. Im Kontrast dazu entwirft der Künstler spielerische Anordnungen (Conceptual Tower Series, 2011), die jegliche Raster und Muster zugunsten von physischen und geistigen Freiräumen auflösen.

Stephen Willats sieht sich als „Anstifter für Veränderung der sozialen Wahrnehmung und des Verhaltens“. Dass diese Veränderung kein statisches Gebilde ist, sondern ein dynamischer Prozess, wird in Willats’ Bildern deutlich. Sie haben keinen Anfang und kein Ende. Es gibt keine eindeutige Lesart. Die Pfeile weisen in unterschiedliche Richtungen. Dadurch gewährt er Interpretationsspielräume und lässt Bedeutungen offen, ohne sich jedoch in vagen Andeutungen zu verlieren. Dazu ist seine Beobachtung zu wach und sein Geist zu kritisch. Nach wie vor.

Zeitgleich zur Ausstellung von Stephen Willats in der Galerie Reinhard Hauff sind bis zum 21. August 2016 Arbeiten des Künstlers in der internationalen Gruppenausstellung „GOOD SPACE – politische, ästhetische und urbane Räume“ in der Villa Merkel Esslingen, die von Andreas Baur kuratiert wurde, zu sehen.

Text: Dr. Ralf Christofori