CLÉMENT COGITORE. Ni le ciel Ni la terre. 27.05.2016 – 10.06.2016

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SURGICAL STRIKES
„Die Art, wie wir Krieg führen, verrät eine Menge über unsere Gegenwart.“ Clément Cogitore konnte diese These seit Anfang 2015 bereits zwei Mal bestätigen. Zum einen mit seinem ersten Spielfilm Ni le ciel Ni la terre, der im vergangenen Herbst in den französischen Kinos anlief, nachdem er im Frühjahr 2015 von der „Cannes’ Critics’ Week“ ausgewählt worden war. In dem Film, der als Deutschlandpremiere ausschließlich in der Galerie Reinhard Hauff zu sehen ist, überschneidet sich eine westliche Vorstellung vom Krieg – wir begleiten eine französische Garnison an die afghanische Grenze – beinahe unbemerkt mit einem Glaubenssystem, das vom „Feind“ verfochten wird und das in den kartesianischsten Geistern von Filmfiguren und Zuschauern gleichermaßen für Unbehagen sorgt. In Ni le ciel Ni la terre bedient sich Clément Cogitore im Übermaß an Bildern von Überwachungs- und Wärmebildkameras sowie Nachtaufnahmen. Und auch hier, in der Ausstellung der Galerie Reinhard Hauff, führt diese Technik dazu, dass die gewählte Formensprache die politische Reichweite der Bilder untermauert.

Zum anderen in
Digital Desert, einer Serie großformatiger Fotografien, die parallel in der Galerie gezeigt werden. So wie der Maler Jean Fautrier zu seiner Zeit gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mit seinem Bilderzyklus Otages (Geiseln, 46 grässliche und formlose Masken inspiriert von Fotografien erschossener Geiseln) in ähnlicher Weise Bewunderung und Empörung hervorrief, zeigt auch Clément Cogitore dem Zuschauer eher eine „Repräsentation“ als ein bloßes Abbild des modernen Konflikts und seiner Kollateralopfer. Ein bisschen wie bei dem Betrachten von Fautriers Leinwänden aus der damaligen Zeit erinnern auch die vier in der Galerie ausgestellten fotografischen Diptychen an Luftbilder von Leichenbergen, wie sie sich in den vergangenen Jahren im Überfluss in unser kollektives Gedächtnis eingegraben haben. Doch nach und nach stellen sich Zweifel ein: Was auf den ersten Blick aussieht wie die Überreste von Toten, stellt sich auf den zweiten Blick als über den Boden verstreute Uniformen heraus. Aufgenommen in der marokkanischen Wüste, wirft die Fotoserie – seine erste ohne menschliche Figuren, wie Cogitore betont – das Schlaglicht auf eine neue Tarntechnik namens „digital desert“, die es nicht mehr nur ermöglicht, unbemerkt aus Schützengräben vor einem Feind zu fliehen, sondern auch dem unsichtbaren Auge der Drohnen zu entkommen. Wie verschwindet etwas? Das ist die große Frage im Werk von Clément Cogitore, dessen Film sich bereits mit dem mysteriösen Verschwinden von vier französischen Soldaten beschäftigt hatte. Ein Gesetz von 1992 verbietet die Verbreitung von Satellitenbildern mit einer höheren Auflösung als 50 cm je Pixel. Das Gesetz zielt darauf ab, Rechtsrisiken abzuwenden, die durch den Vorwurf des Eindringens in die Privatsphäre entstehen könnten. Auch wenn diese Auflösung das Entdecken „chirurgisch präziser“ Drohnenangriffe erschwert, lassen sich andererseits auch die Ziele, gegen die sich diese Operationen richten, nicht exakt lokalisieren, da sie jenseits der Schwelle der Darstellbarkeit liegen. Das ist eine der Erkenntnisse, zu denen der Philosoph Grégoire Chamayou in seinem jüngsten Buch mit dem Titel Eine Theorie der Drohne (La Théorie du drone) kommt, in dem er die Drohne als ein Instrument einseitiger Gewalt beschreibt.

Mit seinen Bildern zeigt der Künstler Clément Cogitore, was mit dem Übergang von der berühmten Dschungelkulisse aus braunen und khakifarbenen Militäruniformen des 20. Jahrhunderts zu dem verpixelten Motiv des 21. Jahrhunderts, das sogar eine Auswertung mithilfe ausgeklügelter Sensoren schwierig macht, auf dem Spiel steht. In diesem Kampf von David gegen Goliath fühlt man sich zwangsläufig an das „Razzle Dazzle“ erinnert, ein bei Kriegsschiffen beliebtes Täuschungsmanöver aus dem ersten Weltkrieg, das mit Hilfe eines optischen „wallpainting“ verhinderte, dass der Gegner die genaue Position und die zu torpedierende Route der Schiffe bestimmen konnte. Nach der Erfindung des Radars war die Technik zwar obsolet geworden, doch der Trick, der von einem Künstler und Reservisten der Royal Navy erfunden worden war, bezeugt doch den formalen Ideenreichtum, der im Kriegshandwerk immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Auch wenn die französische Armee einst Avantgardekünstler und besonders Kubisten vereinnahmte und ihr technisches Know-how mit Blick auf die Manipulation der Realität nutzte, so verdanken wir die „digitale Wüste“ von heute der US-amerikanischen Ingenieurskunst, die ironischerweise inzwischen dazu beiträgt, die „Soldaten des IS oder die russische Armee“ einzukleiden, wie Cogitore herausstellt. Was den Künstler daher interessiert, ist sowohl das Thema einer neuartigen Machtverteilung, die sich auf dem Gebiet der technischen Innovationskraft ergibt, wie auch die ästhetische Landschaft, die daraus entsteht. „Ich bin ein Hyper-Gläubiger“, witzelt Cogitore. Sein Markenzeichen ist die Überlagerung von dokumentarischen und halb erfundenen Erzählsträngen und die Kombination unterschiedlicher Handschriften – einer politischen und einer künstlerischen. „Ein Großteil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie Erzählungen das Reale bewältigen und mit der absoluten Notwendigkeit dieses Vorgangs.“ (Claire Moulène. Kunstkritikerin für
Les Inrockuptibles, Art Forum)

Nach seinem Studium an der École nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Straßburg und am Fresnoy-Studio National des Arts Contemporains entwickelte Clément Cogitore eine Methode, die zwischen Kino und moderner Kunst zu verorten ist. Mit einer Mischung aus Film, Video, Installation und Fotografie befragt sein Werk, wie Menschen mit Bildern zusammenleben. In den meisten Fällen wirft das Fragen nach Ritualen, nach kollektiven Erinnerungen, nach der Darstellung des Heiligen und nach einer bestimmten Art der Durchlässigkeit unterschiedlicher Welten auf. Seine Filme wurden auf zahlreichen Festivals nominiert (Quinzaine des Realisateurs in Cannes, Festival von Locarno, Montreal Film Festival) sowie mehrfach ausgezeichnet. Seine Arbeiten wurden darüber hinaus bereits in zahlreichen Museen und Kunstzentren gezeigt (Palais de Tokyo und Centre Georges Pompidou in Paris, Haus der Kulturen der Welt in Berlin, The Museum of Fine Arts in Boston, Museum of Modern Art in New York). 2011 erhielt er den
Grand Prix du Salon de Montrouge und war 2012 Resident Artist der Académie de France in der Villa Medici in Rom. Sein erster Spielfilm Ni le ciel Ni la terre gewann 2015 den Preis der Gan Foundation im Rahmen der Woche der Kritik auf dem Festival de Cannes und wurde von der internationalen Kritik gefeiert. Clément Cogitore wurde 1983 in Colmar geboren. Lebt und arbeitet in Paris und Straßburg.