JOAN JONAS. Drawings, Zeichnungen. 10.11.2000 – 31.01.2001

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Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Reinhard Hauff präsentiert ausschließlich Zeichnungen der amerikanischen Performance- und Videokünstlerin Joan Jonas (1936). Ein Großteil der gezeigten Arbeiten, ist in einem engen Zusammenhang mit den zur gleichen Zeit in der Galerie der Stadt Stuttgart gezeigten Filmen, Videos und Installationen zu sehen.

Für
Jonas Arbeit ist die Verschränkung unterschiedlicher Medien von Video, Film, Photographie und Zeichnung seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn das herausragende Kennzeichen. Während sich jedoch bisher die Rezeption von Jonas Werken besonders auf ihren sowohl poetischen als auch technisch kalkulierten Umgang mit Video und Film konzentrierte, erhielt die Frage nach der Funktion und Bedeutung von Zeichnung wenig Beachtung. Dies erstaunt umso mehr, als dass Joan Jonas selbst in verschiedenen Interviews und Texten auf Zeichnung als einem integralen Bestandteil ihrer Arbeit, gerade in Hinblick auf die Dramaturgie und die Inhalte ihrer Performances, verwiesen hat.

Jonas Zeichnungen fungieren selten als Skizze, Studie oder konzeptionellem Entwurf für ein Perfomance-Set sondern entstehen zumeist während ihrer Aktionen oder finden als Requisit Eingang in die für sie typische, szenisch fragmentierte Choreographie. Charakteristisch für die formale Gestaltung ihrer Zeichnungen ist ein unbekümmerter, flüchtig hingeworfener Strich, der beispielsweise in den Portraits ihrer Hündin Xena, die dem Tier eigene Komik und seinen Launen wirkungsvoll Ausdruck verleiht. Posen und Bewegung sind nur durch Umrißlinien und wenig Binnenzeichnung wiedergegeben, die den Tierkörper auf einfachste Art begreifbar machen.

Neben diesen Portraits bilden grafische Muster und Ornamente einen zweiten Schwerpunkt des zeichnerischen Werkes.
Joan Jonas Faszination für sogenannte Endloszeichnungen, d.h. Zeichnungen die in einem Zug ausgeführt und aufgrund ihrer formalen Anlage unendlich fortgesetzt werden können, tauchen nicht nur wegen ihres mythologischen Ursprungs und ihrer magischen Bedeutung in außereuropäischen Kulturen immer wieder in den Perfomances auf. Sie besitzen für Jonas im Akt des Zeichnens an sich, durch den taktilen Nachvollzug, eine unmittelbare Anbindung an einen körperlichen Ausdruck und eine menschliche Präsenz, deren Flüchtigkeit in einer sichtbaren Spur, einem linear verschlungenen Bewegungsmuster gebannt und enthalten bleibt.

Die Fülle von über 50 Zeichnungen, die in der Galerie zu sehen sind eröffnet mehr als nur einen summarischen Blick auf die spezifischen Bildmotive, die
Joan Jonas für ihre Bühnenbilder oder ihre Videoarbeiten wechselweise neu zeichnet, kombiniert oder rearrangiert. Die Ausstellung reflektiert auch die Verlagerung von Jonas künstlerischer Vorgehensweise, die in den letzten fünf Jahren eine verstärkte Hinwendung zur Studioarbeit erfahren hat. Machte Joan Jonas künstlerische Auseinandersetzung und der temporäre Charakter der Perfomances ihre tatsächliche Präsenz erforderlich, so vermittelt sie sich als Künstlerin in ihren neuen Videoinstallationen, wie bsp. „My New Theater III“ (1999) indirekt, in dem sie ihre Anwesenheit suggeriert. Es wundert nicht, dass sie dies auch über die vermehrte Verwendung durch Zeichnungen löst, gemäß ihrer Auffassung von Zeichnung als einem potentiellen Bedeutungsträger, der zwischen Sehen und Sprechen, Zeigen und Deuten, visueller Darstellung, tatsächlicher Erfahrung und Erinnerung vermittelt:

„I didn’t see a major difference between a poem, a sculpture, a film, or a dance. A gesture has for me the same weight as a drawing: draw, erase, draw, erase – memory erased. (…) For Mirage I made a film of drawing, again and again, images on a blackboard, and then erasing them. Reading the essay collected in Spiritual Disciplines, I got another idea to use drawings, also in Mirage, which I called „endless drawings“ after those described in the Melukean Book of the Dead, the tribal ritual book of New Guinea. There it says that in order to go from one world to the next you must finish a drawing in sand which an old lady, the devouring witch, begins at the boundary between life and death. The early dog drawings were all portraits of the same dog. I graphically incorporated parts of my life that represented mythic abstract forces into the work. In this case, the animal helper, the power of instinct.“ (
Joan Jonas, Closing Statement, in: Joan Jonas, Scripts and Descriptions 1968-1982, Berkeley 1983, S.137 ff)